
Was muss Radfahren früher einfacher und friedlicher gewesen sein. Man ging in den Laden, ließ sich beraten, persönlich, freundlich, Einkauf ohne großes Tamtam und fuhr mit dem Rad nach Hause, das einem gefiel. Keine stundenlangen Recherchen, keine Debatten in Foren oder auf Reddit, keine Welle an YouTube-Videos, keine Vergleichstabellen aus fünf Magazinen mit 27 unterschiedlichen Kategorien. Es gab einfach weniger und irgendwie war das doch mehr.
Kein Gravel oder Fully? Kein Problem. Das Stahlross ohne Dämpfer hat selbst ruppige Karrenwege und Furten überstanden. Kein Fahrradcomputer, kein Powermeter, kein Dropper Post. Nur du und das Rad und wenn etwas kaputtging, konnte man es meist vor Ort reparieren oder in die nächstgelegene Werkstatt bringen.
Man brauchte keine MAAPNS-Trikots oder REISON-Bibs, um "dazu zu gehören". Ein luftiges Hemd, ein Wollpullover, eine robuste Hose und wenn es bequemer sein sollte eine Radhose mit Sitzleder auf einem Ledersattel, das hat gereicht. Die Lederschuhe natürlich nicht vergessen. Statt Hightech-Taschen von SeiKleid oder einem Schwanzflossen-System, hingen die guten alten Carradice Bags dran, die bei den (Ur-)Enkeln wahrscheinlich bis heute noch treue Dienste leisten.
Heute machen wir es uns oft gefühlt ganz schön kompliziert. Wir verlieren uns in Fahrrad(sub-sub)kategorien, Marken, Modellen, Ausstattungen, Fashion und Meinungen (anderer, über uns). Dabei vergessen wir durch die Reizüberflutung und das Marketing-Blabla manchmal das Radfahren selbst.
Es muss nicht das neuste Gravel-/Fully-/Roadbike sein, nur weil das deine Lieblings-YouTuber (gesponsert) fahren. Auch ein altes Trekking- oder Reiserad bringt dich durch die Gegend und das wahrscheinlich noch komfortabler und sicherer, wenn du zuvor noch nie sportlich auf dem Rad unterwegs warst. Egal welches Rad du hast, geh einfach raus, dreh eine Runde, auch wenn sie noch so kurz ist und genieß die Zeit.
Klar ist das alles Nostalgie und früher war nicht alles besser. Aber wie seht ihr das? Machen wir es uns heutzutage in der Hinsicht einfach nicht leicht? Sind wir mittlerweile alle Opfer des Konsums und Marketings?
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Ich finde Probably Riding und Tim Fitzwater treffen den Vibe in der heutigen Zeit ganz gut. Sowieso die r/xbiking Community.
(Hinweis: Das verlinkte Video hat leider keinen Ton, aber es gibt noch ein Playlist mit vielen alten Aufzeichnungen)
by LepraZebra
7 Comments
Ich hab meine Kindheit mit einem billigen Singlespeed/Rücktrittbremse verbracht.
Ich bin froh, dass mein Kind (relativ) sicher die Waldwege mit dem vernünftigen Fahrrad fahren kann. Influencer interessieren mich Null.
Ich bin schon in modernen Radklamotten auf einem modernen Endurance Rennrad eine 200km Tagestour gefahren, und in Wollkleidung auf einem alten Rennrad mit 23mm Reifen, ungepolsterten Lenkerhörnchen und Kernledersattel.
Fortschritt hat auch was Gutes.
Wenn du meinst?
Du kannst auch heute in einen Fahrradladen gehe und dich beraten lassen. Gibt diverse Ketten und natürlich auch Läden die inhabergeführt sind. Dazu auch in größeren Städten Läden mit Werkstätten aus der “Gemeinwohlarbeit” die gebrauchte Räder kostengünstig verkaufen. Ich habe jetzt in keinem Laden eine Kontrolle gesehen, wo ich meine Social Media Historie in Bezug auf Fahrräder vorzeigen musste.
Das mal zu der Polemik.
Es ist seltsam zu glauben das der Bereich Fahrrad nicht grob gesagt vom Wandel der Gesellschaft betroffen wäre. Ich sehe auch so “elitäre” Typen nur im Internet und hier tatsächlich sogar weniger. Früher tummelte sich so etwas eher in Foren. Das ist aber ja auch seit 15 Jahren keine coole Option mehr. Ich bin selber nicht auf Insta, aber man bekommt ja trotzdem immer wieder Sachen aus der Platform (oder anderen) herbeigespült. Da sehe ich dann hier und da halt irgendwas zwischen Werbeinfluencern und klassischem Ragebait.
Schön ist das man da nicht mitmachen muss. In der Realität bin ich zumindest noch nie komisch von irgendwelchen Leuten angeguckt worden, weil ich z.B. Flats an einem Rennrad fahre, oder auch nicht immer in Bips und Trikots fahre.
Na dann gib dir mal diesen entspannten Herren hier:
[https://www.youtube.com/watch?v=cZk2jV5gJbM](https://www.youtube.com/watch?v=cZk2jV5gJbM)
Die Realität ist auch dass sich das von dir beschriebene Radkaufen kein Schwein leisten konnte und die meisten Räder sehr veraltete gebrauchte Drahtesel mit einem Gang waren die wirklich anstrengend zu fahren sind.
Also in dem “Früher” das ich kenne waren diese durchschnittlichen Fahrräder “ohne Tam Tam” so scheiße, dass sie vielen Menschen gründlich die Lust am Fahrradfahren ausgetrieben haben. Hatte auch so eins als Jugendlicher und am Anfang der Uni-Zeit. Aus heutiger Sicht grässlich (außer man steht auf Retro-Underbiking).
Klar, auch damals gab’s schon teure Räder die besser waren (allerdings nur Rennräder) für die sportlich ambitionierten. Aber das Durchschnitts-Alltagsrad war, verglichen mit heute, Schrott.
Was heißt verglichen mit heute? Als ich Anfang der 90er mein erstes MTB hatte war das eine Offenbarung! Endlich Bremsen die funktionieren. Endlich eine Schaltung die mit einem Klick zuverlässig schaltet, statt fummelig am “stufenlosen” Hebel und dann doch nicht richtig aufs gewünschte Ritzel/Kettenblatt wandert ohne zu rattern, endlich eine Übersetzung in den kleinen Gängen, mit denen man den Berg tatsächlich ohne Schieben raufkommt (als Nicht-Sportler).
Und die alte MTB-Möhre vom Anfang der 90er die damals so ein Quantensprung für mich war ist gar nix verglichen mit dem modernen MTB oder Tourenrad. Nix Scheibenbremse damals. Nicht mal V-Brake Felgenbremsen. Cantilever Bremsen waren der heiße Scheiß. Und ja zu Recht, weil um Welten besser als die schrottigen Felgenbremsen die vorher so üblich waren.
Also ne. Ich bin froh über die Entwicklung.
das ist eine entscheidung, die du selbst gefällt hast.
du kannst ohne probleme in einen beliebigen fahrradladen gehen und dort ein normales rennrad, mountainbike, stadtrad, alte-leute-rad oder einen allrounder kaufen, mit dem der normale mensch gut normal fahren kann, genau wie früher auch. mal abgesehen davon, dass das spezifische mountainbike eine recht neue entwicklung ist.
der ganze andere scheiss, von wegen sich ein separates rennrad zusätzlich zum gravelrad zuzulegen, nur um dort dann 35er mäntel mit 1,5bar drauf zu fahren, weil man eben doch nicht weiß, wo eigentlich der unterschied zwische beiden rädern ist, oder sich einzureden ohne bibshorts nicht fahrrad fahren zu können, weil alle die im internet über ihre fahrradklamotten posten halt auch eine fahrradhose haben, ist selbstverschuldet und leicht vermeidbar