
Der Begriff stammt aus einem Artikel des RND "Volle Lager und massive Rabatte: Das große Problem der Fahrradbranche"
Ich weiß nicht ob es bei allen Journalist*innen und interviewten Lobbyisten schon angekommen ist, aber auch im Bereich des verfügbaren Einkommens gibt es eine immer größere Spaltung. Während die einen problemlos ihr eBike im vier- manchmal fünfstelligen Bereich ordern können (und die Fahrradpreise immer weiter hochtreiben) gibt es auf der anderen Seite Menschen die mit den billigsten Möhren herumfahren müssen, sich kaum für 50€ Ersatzteile leisten können, weil Miete u.a. Lebenshaltungskosten den Hauptteil ihres Einkommens wegfressen.
Und "die Branche" jammert über größtenteils selbst kreierte Probleme herum, unnötige jährliche "Modellwechsel" (und wenn es nur eine neue Farbe ist) die letztlich dazu führen, dass ihr Neu-Rad schon beim Heraussschieben aus dem Laden 20% an Wert verloren hat, weil es ja in 6 Monaten schon wieder "was Neues" gibt. "Hey, warum soll ich einen vollen Preis zahlen, wenn ich in 180 Tagen "tolle Rabatte" bekomme?!" "Innovationen" wie proprietäre Headsets, Cockpits und untereinander nicht mehr austauschbare Gruppen.
Aber hey: die nächste Rettung naht, das "Thema Fitness" (völlig neu, BTW)! Wir können nun erneut den BMI-hörigen Menschen das nächste tolle Rad-Trikot (symbolisch genannt) aufoktroyieren, während o.e. Arbeiter*innen mit Mindestlohn auf der Straße sehen müssen wie sie nicht über den Haufen gefahren werden, weil ihr ihre antike Fahrrad-Beleuchtung nur minimal ist. Kleiner Tip an "die Branche": packt euch mal zusammen und lobbyiert für eine bessere Straßen- und Fahrrad-Infrastruktur. Macht das Fahrrad mal wieder mehr zu dem was es eigentlich ist: ein f*ing Transportmittel.
Das "große Problem der Fahrradbranche" meiner Meinung nach: sie wirkt zu abgehoben und fern von eigentlichen Bedürfnissen. Also, typisch spätkapitalistisch. Habe fertig. Flasche leer…
Sorry, das musste mal spontan raus – und enthält deswegen sicherlich Ungenauigkeiten und Überspitzungen.
by clemisan
13 Comments
Der übliche Boom-Bust-Cycle und irgendwer jammert immer. Weniger Nachrichten lesen hilft, v.a. bei so Industrienachrichten-Quatsch.
Mimimi, wir müssen mega Rabatt geben, weil der Kunde das verlangt. Ne weil die scheiss Räder einfach massiv überteuert sind. Und das liegt u.a. daran, dass die Komponenten so teuer sind. 1500€ für ne Fox Gabel? Für etwa das doppelte bekomm ich n Gewindefahrwerk mit elektronischer Verstellung von Bilstein für nen M4.
Ich hatte mal ein sozialistisches Fahrrad. Das hat damals ungefähr einen Monatslohn einer Kassiererin gekostet. Billig war was anderes. Das Tretlager war mit schlecht abgedichteten Kugellagerkäfigen gebaut. Die sammelten Sand und zerfiel. Ersatzteile gab es sehr selten oder gar keine. Als die sozialistischen Kameraden mir den Sattel gestohlen haben, musste ich meinen Onkel, der in der Nähe einer Fahrrafabrik wohnte, mit der Hilfe von Vitamin B mir einen zu besorgen.
Ich fühle diesen Post. Es kann jeder mit seinem Einkommen machen was er oder sie möchte, aber es ist schon super frustrierend, regelmäßig irgendwelche Sonntagsschönwetterfahrer*innen auf ihren 4000€ Ebikes an einem vorbeiziehen zu lassen, während man selbst wahrscheinlich mehr Kilometer auf seinem 50€ 40 Jahre alten Kleinanzeigen Schrottesel macht, als die betreffenden Personen im Schnitt mit dem Auto. Meine Eltern sind leider selbst so. Sie haben Ebikes für 3.5k gekauft und fahren vielleicht ein bis zweimal im Jahr wenn überhaupt 10km und betrachteten es als Geldverschwendung, dass ich mir nach 6 Jahren täglichem Pendeln mit Gurken mal ein Einsteigergravel für die 100km Arbeitsweg in der Woche gegönnt habe. Es sei ja nur ein normales Fahrrad und ob es da nicht etwas günstiges getan hätte.
Waren die Lager nicht kürzlich noch leer und Fahrräder nirgends zu erwerben?
Hahaaa, ja klar, die Krankenkassen sollen jetzt das neue Prestigebike mitfinanzieren, haben ja eh schon ein Milliardenloch!
Was genau ist jetzt eigentlich das Problem? Volle Lager? Tja. 2019 habe ich mein letztes neues Rad gekauft. Hat 1.344,00 € gekostet. Ich habe es vor zwei Wochen für 2.600,00 € gesehen. WtF!!!
Verbesserte Komponenten? Nein! Was soll das?!
Sind diese Rabatte hier mit uns Raum?
In vielen Bereichen der Industrie kann man kein uneingeschränktes Mitleid haben, jahrelang die Preise nach oben getrieben – nicht alles selbst verschuldet, auch Rohstoffe und Lohn gehören dazu – aber gerade bei den (e) Bikes passt das nicht zusammen. Die Nachfage gerade in Corona hat die Marktwirtschaft gerne aufgeschnappt, jetzt ist der Mainstream/Mittelklasse Markt ist völlig überteuert. Die haben leider das Stopp Signal nicht erkannt und jahrelang zu viel Kohle gescheffelt, jetzt geht der Umsatz erstmal rückwärts und der Markt sich in den nächsten Jahren etwas konsolidieren und die Preise dürften zumindest nicht weiter steigen – das es wieder billger wird glaube ich eher nicht.
Das größte Problem des Fahrrad-Segments ist m.E. die Vielfalt. Es gibt alleine in Deutschland laut Wikipedia-Liste 37 Hersteller. Davon wird jeder Hersteller bestimmt 50 Modelle haben. Und davon gibt es jedes Jahr eine neue Auflage.
Dadurch ist einfach zu viel Komplexität in der Sache, sodass es nicht möglich ist, Großserien so produzieren und zu geringen Preisen abzugeben.
Das sieht man vor Allem daran, dass man vernünftige E-Scooter schon für ca. 500€ bekommt, das günstigste E-Bike bei Decathlon geht bei 1000€ los.
Krankenkassen…
“Ich fahre 40-80km Fahrrad pro Woche. Kriege ich dafür nen Beitragsrabatt?”
“Nein. Du kannst Dir gerne eines von unseren Rabattprogrammen raussuchen und mitmachen.”
“Ja aber die Kosten alle erstmal was, wie Fitness Studio und so… Könnt ihr mir nicht meine Fahrradleistung anrechnen? Ich hab 20km auf Arbeit, das ist echt viel, bei jedem Wetter, ich bin auch kaum krank.”
“Nein. Wir können das ja nicht nachprüfen.”
“OK, das verstehe ich. Sowas wie GPS-Tracker wie bei den Autoversicherungen, wo die Leute bessere Konditionen kriegen wenn sie regelkonform fahren sind bei Fahrrädern technisch bestimmt nicht möglich *streichelt Garmin*. OK, danke für das Telefonat.”
Stimme dem Gedanken zu, dass es ein Transportmittel sein sollte. Ich denke die Hersteller tun sich selbst keinen Gefallen indem sie versuchen in jedem Produktsegment mitzuspielen. Das ist als würde VW versuchen high-end Sportwagen zu verkaufen und Ferrari plötzlich Kleinwagen anbieten. Dem Kunden sollte klar sein in welchem Produktsegment er einkauft, z.B. “bequemer Alltagsradler” oder “Mountainbike das perfekt ist für Downhill-Spaß, aber eigentlich nicht StVO-konform ist”.
Hilft auch nicht wenn man zum Fahrradladen geht und die dann versuchen einem was teureres zu verkaufen als man eigentlich braucht. Habe 2018 ein e-Bike gekauft. Habe mir im Internet genau das rausgesucht das ich wollte und bin dann zu dem Händler der das bei uns in der Stadt hatte. Trotzdem wollte der mir ein anderes Ebike (mit fetten Reifen und stufenlosem Riemen, aber Stecklichtern) schmackhaft machen, obwohl ich ihm genau gesagt habe was ich will.
Apropos Lobby für Fahrrad. – da haben wir ja eigentlich den ADFC, der sich sowas auch auf die Fahne geschrieben hat, ähnlich dem ADAC bei Autos.
Die Mitgliedschaftskosten halten sich mMn in Grenzen und können auch mit einem formlosen Schreiben einfach pausiert werden wenn man sagt, es ist aktuell finanziell nicht drin, quasi auf Ehrlichkeitsbasis.
Sie bieten auch Anwaltsdienste bei Unfällen an und man kann die Mitgliedschaft auch mit seiner besseren Hälfte kombinieren für einen Familienpreis.
Von jemandem, der sich noch nie ein neues Fahrrad gekauft hat. Welche neuen Komponenten? Geht’s hier noch um normale Fahrräder, oder spricht man hier von irgendwelchen Sonderanfertigungen?