
Für die Interessierten würde ich gerne einen Erfahrungsbericht zur Nutzung meines S-Pedelecs geben.
Seit März 2022 fahre ich ein Kathmandu Hybrid 45 (genaues Modell gebe ich nicht an, um mich nicht zu doxxen).
**1) Versicherung**
Wie jedes Kleinkraftrad ist dieses Fahrzeug versicherungspflichtig und kostet jährlich EUR 37,00 in Haftpflicht oder EUR 66,00 in Teilkasko.
Hier fängt schon das Kopfkratzen an, weil viele Versicherer ihre Angebote als “Moped-Versicherung” verstecken und man dann als Fahrzeugart “S-Pedelec” auswählen muss. Manche Versicherer bieten keinen Schutz für Fahrzeuge des Herstellers “CUBE Pending System GmbH” an, sodass es eine sehr kleine Anzahl an passenden Anbietern gibt.
Sobald man das Versicherungsschild postalisch erhalten hat, kann man dieses recht einfach unterhalb des Bremslichts montieren. Und schon darf man losfahren.
Anmerkung: Das Fahrzeug hat eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE), sodass man nur Änderungen vornehmen darf, die vom Hersteller freigegeben sind.
**2) Kleidung**
Wie bei jedem Kleinkraftrad ist ein angemessener Helm vorgeschrieben. Formell gesehen muss man einen Mopedhelm mit entsprechendem Prüfzeichen tragen. Aufgrund der körperlichen Anstrengung schwitzt man stark, sodass ich unkorrekterweise einen Fahrradhelm trage. Viele sogenannte Pedelec-Helme haben kein entsprechendes Prüfzeichen.
Nicht vorgeschrieben aber zu empfehlen ist eine leichte Motorradjacke mit Protektoren, damit der Rücken und Ellbogen im Falle eines Sturzes geschützt sind.
** 3) Fahrverhalten**
Man muss sich bewusst sein, dass man die 45 km/h wegen des schwachen Motors nur mit großer Mühe erreicht. Diese kann man nicht lange aufrecht erhalten. Wenn man entspannt fährt, liegt die Reisegeschwindigkeit eher bei 32 km/h. Vor allem wenn es windig ist oder man bergauf fährt, sind 45 km/h nicht zu erreichen. Wenn man steil bergab fährt, kommt man auf gute 60 km/h.
Der Fahrkomfort ist sehr niedrig, da das Fahrzeug schlecht gefedert ist und man beim Überfahren von Bodenwellen/Gullideckeln diese stark im Rücken spürt. Der Hersteller empfiehlt eine Reifenluftdruck von 4,0 bar, sodass die Reifen sehr hart sind. Aus diesen Gründen musste ich eine gefederte Sattelstütze nachrüsten. Ein niedriger Reifenluftdruck bietet spürbar mehr Komfort aber wirkt sich negativ auf die Reichweite aus.
Es gibt vier Unterstützungsstufen, die verschieden stark bis zur Geschwindigkeit 45 km/h helfen und dann den Motor abschalten. Der Hersteller gibt optimistisch eine Reichweite von etwa 50 km bei stärkster Unterstützung an, aber die liegt eher bei 40 km. Die Umgebungstemperatur bewirkt ebenfalls Einbußen, wenn es zu kalt oder heiß ist. Der Bereich 10-20°C ist optimal.
**4) Technik**
Technisch betrachtet ist ein S-Pedelec ein *overpowered* Fahrrad, sodass aufgrund des Drehmoments, der Geschwindigkeit und des Gewichts ein starker Verschleiß auftritt.
Ich musste bisher das vordere Kettenblatt, das hintere Ritzelpaket, die Kette sowie die Bremsbeläge komplett tauschen.
Die serienmäßigen Reifen sind gut, aber nicht wintertauglich, sodass man für schlechte Witterung Reifen mit mehr Profil aufziehen sollte. Hier ist darauf achten, dass die vorgeschriebene Geschwindigkeitsklasse B unterstützt wird (z.B. E-50 bei Schwalbe).
Das Bosch-System arbeitet recht zuverlässig aber wirft gerne eine Fehlermeldung, wenn der Speichenmagnet verrutscht.
Die Hupe gibt einen leisen und lächerlichen Ton von sich, mit dem man kaum wahr- oder ernst genommen wird.
Die Lichtanlage ist gut. Mit dem Scheinwerfer hat man weite Sicht und gleichmäßige Ausleuchtung vor sich. Das Bremslicht ist ebenfalls gut.
Das abnehmbare Display ist sozusagen “die Zündung”, womit man das Fahrzeug startet. Es gibt eine Schiebehilfe, mit der ohne zu treten der Motor arbeitet; nur in Schrittgeschwindigkeit. Dies ist sehr angenehm, wenn man eine steile Steigung erklimmen möchte.
Die Inspektion und Wartung ist einfach, da Ersatzteile an jeder Ecke erhältlich und günstig sind. Viele Reparaturen kann ein Laie durchführen. Sobald es um die Elektronik geht, wird’s teuer, da nur wenige Fahrrad-Werkstätten den entsprechenden Service für Bosch-Systeme anbieten.
**5) Teilnahme im Verkehr**
Kleinkrafträder sollen auf der Fahrbahn bewegt werden. Die Nutzung von Radwegen stellt eine Ordnungswidrigkeit dar.
Tatsächlich benutze ich im eigenen Ermessen die Fahrbahn oder den Radweg, da es auch innerorts Abschnitte mit 60 km/h Limit gibt und sowas als S-Pedelecfahrer extrem unangenehm wäre.
Interessanterweise wurde ich im Raum München noch nie von der Polizei behelligt (fehlende Erkennung oder ausreichende Toleranz?).
Bisher habe ich persönlich vielleicht nur drei oder vier andere S-Pedelecfahrer gesehen, was wieder zeigt, dass diese Fahrzeugart eine Randerscheinung darstellt. Auch jene Leute benutzen meistens die Radwege. Empirisch kann man also unauffällig fahren, da man auf den ersten Blick nicht von einem Radfahrer zu unterscheiden ist.
**6) Bußgeld**
Falls man doch mal eine Verkehrskontrolle der Polizei durchläuft…
EUR 15,00 “Helmpflicht missachtet”
EUR 10,00 “Unerlaubt den Gehweg genutzt”
…als sachliche Info.
Quelle: https://www.bussgeldkataloge.de/kleinkraftrad/
**7. Fazit**
Das Konzept S-Pedelec ist ganz nett aber technisch nicht ausgereift und aufgrund der schlechten Gesetzeslage in Deutschland extrem unattraktiv. Ich würde das Fahrzeug nicht nochmal kaufen. Dann doch eher einen E-Roller.
Vielleicht hilft dieser Beitrag jemandem bei einer Kaufentscheidung. Falls noch Fragen offen sind, bitte stellen!
by DickInTitButt
5 Comments
Glaub auf den Radweg darfst du nicht wie du oben geschrieben hast.
Danke fürs Teilen. Kettenblatt wechseln klingt bei knapp 2 Nutzungsjahren heftig. Das sollte doch die ein oder andere Kassette überleben?! Welche Laufleistung hatte das Rad in der Zeit?
Kleine korrektur: Technisch gesehen ist ein S-pedelec ein underpowered und overpriced Mopped.
Der Autofahrer sieht etwas, das aussieht wie ein Fahrrad und schon schlägt der Pawlowsche Reflex zu und er moniert mehr oder minder lautstark und aggressiv die Benutzung des Radweges. Den stört das Versicherungsschild, das da dran hängt, nicht.
Ich glaube, bei mir würde es auch eher ein E-Roller werden, wenn der Leidensdruck besteht, aber dann einer, der der 125ccm Klasse entspricht. Ich habe einen Motoradschein.
Interessante Erfahrungen. Ich habe mich immer über den besten Einsatzzweck eines S-pedelec gewundert. Ein paar Punkte aus dem Bericht kommen mir etwas seltsam vor, kannst du die noch ausführen?
-Geschwindigkeit – du schreibst der Motor ist schwach. Von wieviel W sprechen wir? Ich wundere mich weil man aus eigener Erfahrung mit einem unmotorisierten Fahrrad (Rennrad) bei neutralem Wind und Neigung ohne Probleme 35-40 km/h bei ca. 300 W erreicht. Wenn ich mir jetzt ein „normales“ Pedelec mit 250 W Dauerleistung (also Spitzenleistung noch höher, soweit ich weiss?) vorstelle, müsste ich damit ja fast dahin kommen, selbst bei schlechterer angenommener Aerodynamik, wenn ich z.B noch 100 W mittrete (was ja nun wirklich nicht anstrengend ist). Irgendwie verstehe ich die Physik dahinter nicht.
-Komfort/Reifen: Du schreibst der Hersteller empfiehlt 4 bar. Was für Reifen sind das denn? Kann man nicht wie an jedem Rad gewichtsangepasst den Luftdruck einstellen? (Ich habe Fahrräder mit Reifenbreiten von 25 bis 40 mm und bei keinen sind 45 oder auch 70 km/h unkomfortabel, wenn der Luftdruck richtig eingestellt ist) Oder ist der tatsächlich vorgeschrieben?
-Reifen Teil 2: Wenn ich das was du schreibst richtig verstehe kann man problemlos Reifen auf einen anderen Typ wechseln solang sie diese ominöse E-50 Kennzeichnung haben, oder? Vielleicht lässt sich dann ja über das Reifenmodell da noch Komfort rausholen, wenn aktuell „Holzreifen“ verbaut sind?