Ich muss ehrlich sagen, dass mich die polemischen Aussagen des Verkehrsforschers etwas sprachlos zurücklassen.

Gerade von einem Verkehrsforscher hätte ich erwartet, dass er die Bedeutung von Anschlussmobilität stärker berücksichtigt. Menschen nutzen Verkehrsmittel nicht isoliert, sondern als Teil einer Wegekette. Das Fahrrad bringt Menschen zum Bahnhof und vom Bahnhof zum Zielort. Es ist Teil des multimodalen Verkehrs und kein Störfaktor. Vor allem im ländlichen Raum ist das oft die einzige praktikable Lösung. Nicht jeder Bahnhof hat einen dichten Busverkehr, Car-/Bikesharing oder andere Anschlussangebote. Das Fahrrad schließt für viele Menschen genau diese Lücke.

Andere Länder zeigen seit Jahren, dass es funktionieren kann. In den Niederlanden, Dänemark oder auch der Schweiz wird die Kombination aus Fahrrad und Bahn gezielt gefördert. Dort fragt man nicht, wie man Fahrräder aus den Zügen bekommt, sondern wie man die Schnittstelle zwischen beiden Verkehrsmitteln verbessert. Denn wenn wir nicht die Kapazitäten für mehr Fahrräder in Zügen schaffen können, müssen vor Ort Möglichkeiten geschaffen werden, diese sicher, komfortabel und intuitiv zu verstauen.

Wenn wir steigende Nutzerzahlen bei Fahrrad und Bahn als Problem betrachten, werden wir nie ein flächendeckend funktionierendes intermodales Verkehrssystem als Alternative zum Auto aufbauen. Die hohe Nachfrage zeigt, dass Infrastruktur und Kapazitäten über Jahre hinweg chronisch unterfinanziert und falsch geplant wurden.

Stattdessen werden hier verschiedene Nutzergruppen gegeneinander ausgespielt. Besonders fragwürdig finde ich die Aussage, Radfahrende seien eine besonders aggressive Gruppe und Bahnpersonal würde deshalb kündigen. Solche pauschalen Zuschreibungen helfen niemandem und lenken vom eigentlichen Problem ab.

Denn wenn ich mir die Bahnhöfe in meiner Region anschaue, scheitert die Nutzung der Bahn oft schon an ganz grundlegenden Dingen. Teilweise gibt es gar keinen barrierefreien Zugang zu den Gleisen. An anderen Bahnhöfen sind die Aufzüge regelmäßig oder sogar (gefühlt) über Jahre außer Betrieb. Davon betroffen sind nicht nur Radfahrende, sondern auch Menschen mit Rollstuhl, Kinderwagen, Gepäck oder Mobilitätseinschränkungen.

Die eigentliche Frage sollte daher nicht sein, wie wir Fahrräder aus den Zügen bekommen. Die Frage sollte sein, warum wir es seit Jahrzehnten nicht schaffen, Bahnhöfe, -infrastruktur und Züge so auszubauen, dass sie den Anforderungen einer modernen und inklusiven Mobilität gerecht werden.



by LepraZebra

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14 Comments

  1. Der Typ schafft es halt durch sehr allgemeine Aussagen Leute gegeneinander auszuspielen.

    Fahrradfahrer VS Rollstuhlfahrer / Alte Leute / Kinderwägen.

    Das es extra Fahrradabteile gibt, blendet er aus und verschärft seine Aussagen noch durch Argumente wie “da haben Leute schon gekündigt”.

  2. M4nfredbreiterbach on

    Unglaublich.
    Natürlich ist es alles andere als schön wie es läuft. Unsere „Mehrzweckabteile“ sind aber auch nicht so gebaut, dass ein gutes Miteinander funktionieren kann. Es gibt tolle Konzepte wie man Fahrräder platzsparend abstellen kann und dann Kinderwägen, Rollstühle und was weiß ich was noch Platz haben. So muss ich halt immer 4 Leute um ihren Platz bitten um mein Rad davor zu stellen… macht mir auch keinen Spaß

  3. specialsymbol on

    Ich habe eine super Idee! Jeder hasst Fahrräder, aber jeder liebt Autos. Warum bauen wir nicht extra Züge für Autos? Extra Züge für Fahrräder würden sich doch nie durchsetzen 

  4. “Die Realität ist das die Fahrradfahrenden immer als erste reinkommen…” der Typ ist noch nie mit nem Zug gefahren.

  5. rangitoto030 on

    Neue Erkenntnis des Forschers. In der Ferienzeit: Autobahn, Zug und Flugzeugverbot, um Staus und Menschenansammlungen zu verhindern. No cause, no effect.

  6. Der bekommt ja richtig Puls wenn ihm widersprochen wird, dabei sind doch die Radfahrer seiner Meinung nach die aggressive Gruppe. Ich glaube er ist derjenige weswegen Bahnmitarbeiter kündigen weil er sich dort vermutlich genauso aufplustert.
    Im übrigen wiege ich mit meinem Fahrrad weniger als er alleine, sollte mal mehr Rad fahren!

  7. Ehrlich gesagt finde ich die Aussagen dieses (vermutlich) Diesel-Dieters widerlich. Er lügt.

  8. AasImAermel on

    Von allen Problemen die die Bahn hat ist das natürlich das drängenste.

  9. JensImGlueck on

    Es wirkt so als hätte der Prof. irgendwas gegen Radfahrer. Die Lösung des Problems “Zu wenig Platz im Nahverkehr” kann nicht sein bestimmte Personengruppen aus dem Nahverkehr auszuschließen. Wie wäre es mit mehr Zügen und dichterer Taktung? Dass Berlin und das angrenzen Umland aus allen Nähten Platz ist ja nun keine neue Erkenntnis. Im Übrigen sind auch alle anderen Öffi (S-Bahn, U-Bahn, Tram und Bus) brechend voll.

  10. TheGoalkeeper on

    Obligatorischer Hinweis das die Fahrradmitnahme in Zügen in den Niederlanden nur außerhalb der Hauptverkehrszeiten erlaubt ist. Platz für Fahrräder im Zug ist dort auch krasse Mangelware. Nicht alles so geil wie man immer denkt

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