Seit Anne Hidalgos Wahl 2014 hat sich Paris radikal verändert: 1.400 km neue Radwege, Tempo 30 auf fast allen Straßen, stark verteuerte Parkplätze, gesperrte (ehemalige) Autoachsen. Die Bilanz nach etwas über zehn Jahren ist messbar: deutlich bessere Luftqualität, mehr Wege per Rad, weniger Autos in der Stadt und eine merklich ruhigere Atmosphäre im Stadtraum.

Als jemand, der die Stadt vor über 20 Jahren besucht hat und dann nochmals vor einigen Jahren: Die Veränderung ist beeindruckend. Paris fühlt sich anders an. Als würde die Stadt endlich auf Menschen ausgerichtet, nicht nur Autos. Ich muss da immer an den Beitrag mit Ulrich Wickert, als er am Place de la Concorde die Fahrbahn quert, denken.

Neben all der Besserung für den Radverkehr und Menschen, kracht es natürlich.

Anwohnende, besonders junge Familien, steigen auf (Lasten)räder um. Fahrradkuriere pesen durch die Gassen und bedienen die lokalen Geschäfte. Pendelnde mit Auto und Berufskraftfahrende/Handwerkende auf Dienstfahrt kämpfen um die verbliebenen Spuren und machen ihrem Frust lautstark Luft. Was mich ehrlich gesagt wenig kümmert. Jahrzehntelang wurde der gesamte Stadtverkehr um das Auto herum gebaut: Parkspuren, breite Fahrbahnen, systematische Benachteiligung gegenüber allen anderen Verkehrsteilnehmenden. Dass es wehtut, wenn diese strukturelle Bevorzugung langsam zurückgebaut wird, ist menschlich verständlich. Aber es ist kein Argument gegen die Verkehrswende.

Was leider fehlt: die Metro. Der ÖPNV ist der unsichtbare dritte Akteur in dieser Geschichte, ohne ihn ist das Bild unvollständig. Mit der Vereinfachung der Tarifzonen und Preisstrukturen, ist es einfacher denn je sich durch die Stadt und die Region zu bewegen.

Was mich an der Doku gestört hat: Manche Aussagen werden einfach unkommentiert stehen gelassen, wo eine kurze Einordnung fair wäre. Das beste Beispiel ist die Szene mit der roten Ampel, die als Regelverstoß gerahmt wird. In Paris dürfen Radfahrende an vielen Ampeln bei Rot weiterfahren, angezeigt durch ein kleines Zusatzschild ähnlich Zeichen 205 mit gelbem Fahrrad und Richtungspfeil. Ohne diese Einordnung bleibt ein schiefes Bild hängen, das Radfahrende pauschal als Regelbrecher darstellt, währenddessen die Leute im Taxi nicht angeschnallt durch die Gegend fahren. Das hätte ich mir von einer Dokumentation mehr Sorgfalt gewünscht. Ebenfalls der reißerische Titel, aber das ist mittlerweile die Normalität.

Trotzdem zeigt die Doku das Wesentliche eine Sache ziemlich gut: Verkehrswende/Stadtplanung lässt sich nicht auf dem Reißbrett planen und löst sich dann irgendwann/-wie von selbst. Es ist ein dauerhafter, anstrengender Aushandlungsprozess zwischen unterschiedlichsten Interessensgruppen und der wird zwangsläufig konflikthaft bleiben, solange eine Seite jeden Ausgleich als Benachteiligung empfindet, obwohl sie jahrzehntelang bevorzugt wurde.



by LepraZebra

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1 Comment

  1. Ich verstehe nicht so wirklich, warum ausgerechnet die Taxifahrer sich so stark beklagen. Für die dürften die Einschränkungen des privaten Autoverkehrs doch eigentlich so etwas wie eine Existenzsicherung sein.

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