
Benno und der Weg zum Supermarkt
Benno muss einkaufen gehen, denn er möchte einen Kuchen backen. Sein Auto ist in der Werkstatt, aber das macht ihm nichts. "Kein Problem!", sagt Benno fröhlich. "Ich nehme einfach das Fahrrad. Der Supermarkt ist ja gleich um die Ecke!"
Benno packt also seine Gepäckträgertaschen und schwingt sich auf sein Rad. Er tritt in die Pedale und fährt los.
Doch, oh nein! Der Weg ist nicht so einfach, wie er dachte…
Benno ist lange Zeit kein Fahrrad gefahren und traut sich deshalb nicht auf der Straße zu fahren. Laute und schnelle Autos, könnten ihn eng überholen. Er möchte sich auch an die Verkehrsregeln halten und nicht andere mit seinem Handeln gefährden oder zur Last werden. Deshalb schaut er sich um und findet ein Wegschild: „Hier geht es lang für Fahrräder!“ Benno macht sich auf einen großen Umweg, den Berg hinauf, erst durch die Felder, dann durch einen Weg bedeckt mit dem feuchten Laub der vielen Bäumen. „Ganz schön rutschig“, murmelt Benno. "Aber gut, da ist ja jetzt die Straße…"
Wieder zurück in der Nähe der Straße folgt er dem schlecht gepflegten Weg. Plötzlich stehen zwei große silberne Gitter vor ihm. Wie ein Zaun blockieren diese Benno die Weiterfahrt über den Kreisel. Benno steigt ab und schiebt sein Rad, da er sich den Zick-Zack-Schwenk nicht zutraut. Er zuckelt und ruckelt sich durch das Drängelgitter, doch bleibt er mit einer Gepäcktasche unglücklich am Pfosten hängen und stolpert etwas. HUUUUUUUP! Hui! Ein Auto fährt ganz dicht auf ihn zu und hupt nochmal laut.
"Hey! Ich bin doch schon auf der Straße!", ruft Benno erschrocken. "Das Auto war doch eben noch nicht da…" Schnell auf die andere Seite, während sich das Gummi der durchdrehende Reifen hinter sich auf dem Asphalt verteilt. Doch dort wartet: noch ein Gitter! Seufz. Benno schiebt wieder: Drück, dreh, schieb!
Drüben angekommen fällt Benno auf, dass er nicht einfach die Straße kreuzen kann. „Na gut“, sagt er tapfer, „dann eben noch ein Stück.“ Er folgt dem Weg, doch plötzlich sieht dieser ganz holprig aus. Rumpel-Grumpel! Wurzeln wachsen aus dem Boden wie Wellen am Meeresstrand. "Bitte nicht meine Felgen fressen!", denkt sich Benno. Aber auch dies meistert er, nur um vor dem nächsten Hindernis zu stehen.
Der Radweg hört auf und eine rote Ampel stoppt die Weiterfahrt. Moment mal, nicht eine, drei. Drei Bettelampeln. Benno drückt den siffigen Taster und wartet, während an ihm der Verkehr aus allen Richtungen ein Mal vorbeibraust. Grün, schnell drüber! Als er seinen Fuss auf die andere Seite setzt springt die Ampel schon wieder auf rot. Gleiches Spiel nochmal. Drücken, warten, queren. Und ein drittes Mal! "Wie lange dauert das denn?!", denkt Benno sich langsam genervt. Endlich ist er auf der Seite auf der richtigen Seite angelangt. Noch ein Gitter, noch einmal Schieben und dann… ist er da. Am Fahrradständer, am Supermarkt. Erleichtert stellt er sein Rad ab.
Benno schnauft. "Menno, ich wollte doch nur einkaufen… Warum war das so schwer?" Er schaut zurück auf den langen Weg und denkt: "Wäre doch viel einfacher gewesen, wenn es einfach einen Radweg entlang der anderen Straßenseite gäbe."
Ob Benno sich das nochmal antun wird, wenn sein Auto wieder aus der Werkstatt ist?
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Diese Geschichte ist zwar frei erfunden, aber sie passiert jeden Tag, in etlichen Varianten. Viele Menschen wären bereit, mehr mit dem Rad zu fahren, trauen sich aber nicht oder es ist ihnen zu umständlich. Zu enges und schnelles Überholen, zu wenig Platz, zu schlechte Infrastruktur. Dabei wäre Fahrradfahren gesund, günstig, relativ leise und zudem noch besser fürs Klima.
Laut Statistik ist die Durchschnittsweglänge in Deutschland kürzer als 12 km. Dafür braucht man kein 6,8 kg leichtes Profi-Rennrad, kein Enduro Fully mit 170 mm Federweg und oft nicht einmal ein Pedelec. Traumhaft so etwas zu haben, doch das beste Rad ist das, welches ihr gerade fahrt. Deshalb Schluss mit Bikeshaming, es geht am Ende nicht um das Material, sondern um die Sache. Seid keine Gatekeeper und freut euch mit und für andere, dass sie überhaupt fahren. Sprecht miteinander, nicht gegeneinander in unserer Community und helft euch im Netz wie auf der Straße. Egal ob bei Fragen, Technikproblemen oder der Navigation.
Damit mehr Menschen aufs Rad steigen, brauchen wir endlich eine faire Verteilung des Raums (z.B. in Berlin entfallen bis zu 60 % des öffentlichen Raums auf den MIV) und eine bessere Infrastruktur: durchdacht, durchgängig, sicher, für alle. Doch das passiert nicht von allein. Es braucht eine Masse. Es braucht Zeit, Engagement und Durchhaltevermögen, von Menschen vor Ort sowie digital. Dort passiert auch schon einiges, wenn auch mühsam. Ob beim ADFC oder VCD, in der Kommunalpolitik, beim Radentscheid, bei der Critical oder Kidical Mass, jede Stimme, jedes Rad zählt. Meldet Missstände, sammelt Daten, dokumentiert gefährliche Stellen oder Überholabstände, helft bei der Kartierung oder dem nächsten Rad-Event bei euch.
Dies mag alles pathetisch klingen, jedoch wäre es für mich ein Wunsch mehr Menschen auf dem Rad, anstatt in ihrem von der Außenwelt abgeschirmten, fahrenden Käfig zu sehen. Damit sie eine Chance haben, ihre Umwelt und ihre Mitmenschen besser wahrzunehmen und auch evtl. mehr zu schätzen wissen. Natürlich haben Autos ihren Platz im Verkehr, aber ob die 700 m zum Bäcker wirklich ein Fall fürs Auto sind, darf man ruhig hinterfragen. Ebenso wäre es wünschenswert nicht mehr so häufig von Bedrohung, den oftmals unverschuldeten Unfällen und auch Toden von Radfahrenden zu lesen, teils nur weil es keine vernünftige Radinfrastruktur gab.
- Wie schaut es bei euch aus?
- Seid ihr bei euch vor Ort aktiv?
- Wie geht ihr vor? / Welche Aktionen werden durchgeführt?
- Was wünscht ihr euch besonders hinsichtlich Sicherheit und Infrastruktur?
Danke euch und hoffentlich eine freie und unbeschwerte Fahrt!
Kuchen, habe ich leider keinen gebacken.
by LepraZebra