Kaum haben die vier Beamten auf ihren E-Bikes die Garage des Verkehrsdiensts an der Heinrich-von-Stephan-Straße verlassen, stoppen sie auch gleich den ersten Verkehrssünder: Ein Radfahrer mit Kindern im Hänger fährt auf dem Gehweg. Fünf weitere Gehwegradler werden vier Stunden später auf der Liste der Fahrradstreife stehen. Drei werden mündlich verwarnt, drei zur Kasse gebeten: 15 Euro sind dafür fällig. “Die Entscheidung, ob es bei einer mündlichen Verwarnung bleibt, hängt von der Verhältnismäßigkeit ab, also der Schwere und Dauer des Verkehrsverstoßes”, erklärt Fahrradgruppenleiterin Corinna Ruh. Einer der Erwischten ist so dreist zu fragen, ob er seine Fahrt auf dem Bürgersteig für diesen Preis wenigstens fortführen dürfe? Eine ältere Dame begründet ihr Gehwegradeln damit, dass ihr Sattel nicht richtig befestigt ist und es da zu unsicher sei, auf der Straße zu fahren. Auf ihre Frage, ob die Polizei Werkzeug dabei hat und ihr beim Festschrauben behilflich sein könnte, weisen die Beamten ihr den Weg zur nächsten Werkstatt.
Bevor die Streife an diesem Morgen ihr erstes Etappenziel erreicht, führen die Beamten ein “verkehrserzieherisches Gespräch” mit einem Autofahrer, der den Radweg zuparkt. Weiter geht’s zur Kreuzung Stefan-Meier-/Mathilden-/Albertstraße. Dort richtet die Polizei eine Kontrollstelle ein: Etwas weiter nördlich positionieren sich Nadine Herr und Andreas Landerer, die per Funk dem zweiten Duo, das sich direkt an der Kreuzung hinter einer Hecke verbirgt, melden, wenn Radler die rote Ampel überfahren. Kaum hat Ruh ihr Fahrrad abgestellt, melden ihre Kollegen auch schon den ersten Verstoß. Ruckzuck sitzen sie und ihr Kollege wieder auf den Rädern und verfolgen den Verkehrssünder, bis sie ihn an der nächsten Straßenecke stellen.
Ob Rotlichtradler eine Verwarnung bekommen und dafür 60 Euro bezahlen müssen, oder eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, für die 100 Euro fällig sind, hängt davon ab, wie lange die Ampel bereits rot war. Dieses Mal war es eindeutig: “Zehn Sekunden”, meldet Herr. Der betroffene Radfahrer nimmt die Vorhaltungen der Polizei zur Kenntnis, äußert sich aber nicht dazu. Auch der Zweite, der erwischt wird, fünf Sekunden Rotlicht, zeigt sich einsichtig, aber wortkarg. Zwei weitere folgen, alle vier müssen nicht nur zahlen, sondern bekommen auch noch einen Punkt im Flensburger Verkehrszentralregister. Den Beamten gehen an der Kontrollstelle außerdem ein E-Scooter-Fahrer ins Netz, der ohne Versicherungsschutz fährt (Geld- oder Freiheitsstrafe), und ein Radler, der entgegen der Fahrtrichtung unterwegs ist (20 Euro). “Die Radler sind häufig einsichtig”, bilanziert Ruh. “Und von Fußgängern erhalten wir viel positives Feedback.” Nach einer knappen halben Stunde lösen die Beamten die Kontrollstelle auf und fahren weiter. Auf dem Weg zum Radschnellweg FR2 scannen die Polizisten TÜV-Plaketten parkender Fahrzeuge. Die eines Anhängers ist abgelaufen – das kostet zwischen 15 und 60 Euro, je nachdem, wie lange die Hauptuntersuchung schon fällig ist. Corinna Ruh guckt außerdem in jedes fahrende Auto, das sie passiert. An einer Ampel hält sie neben einem Transporter und weist den Fahrer auf die Anschnallpflicht hin. Dieses Mal drückt die Polizistin ein Auge zu und belässt es bei einer Verwarnung. Nächstes Mal sind dafür 30 Euro fällig.
Später am Vormittag bittet die Fahrradstreife an der Eschholzstraße weitere Radler zur Kasse, etwa einen telefonierenden (55 Euro), außerdem muss eine Jugendliche zehn Euro bezahlen, weil sie nicht alleine auf ihrem E-Scooter gefahren ist. Sie und ihre Freundin gucken betreten und schieben ihren Roller beim Weggehen. Wer sofort bezahlen möchte und kein Bargeld dabei hat, kann mit Karte zahlen. Dafür zückt Ruh das Lesegerät.
Die Fahrradgruppe kontrolliert verstärkt in Zeiten mit hohem Verkehrsaufkommen, an Unfallschwerpunkten und bei Beschwerden, beispielsweise in Baustellenbereichen, erklärt Ruh. Zudem gebe es punktuell Spätkontrollen an Wochenenden und nachts. Dann gehe es nicht nur um die Einhaltung der Verkehrsvorschriften, sondern auch um Alkohol- und Drogenkonsum. In Parkanlagen sind die Rad-Polizistinnen und Polizisten ebenfalls unterwegs, “um Präsenz zu zeigen und für die Menschen ansprechbar zu sein”, sagt Andreas Landerer. Im Seepark hält eine ältere Radlerin und fragt neugierig: “Was haben Sie denn vor?” Bei dieser Gelegenheit macht sie ihrem Frust über Autofahrer Luft, die in der Nähe ihrer Wohnung eine Spielstraße zuparkten.
Unfälle passieren der Polizei zufolge häufig beim Abbiegen, Rangieren oder weil Vorfahrtsregeln verletzt werden. Der Fahrradgruppe ist außerdem bekannt, dass viele Autofahrer beim Überholen von Fahrrädern den Mindestabstand von (innerorts) anderthalb Metern nicht einhalten. “Das zu überprüfen ist schwierig”, räumt Ruh ein. Um Wege zu finden, das beweissicher ahnden zu können, “bemühen wir uns aktiv und stehen in gegenseitigem Erfahrungsaustausch mit anderen Polizeipräsidien”. Als ein Vorteil einer Fahrradstreife nennt Polizeisprecher Michael Schorr, “dass man eine andere Wahrnehmung hat als im Streifenwagen und mehr sieht”.
Durch den Einsatz der Fahrradgruppe “wollen wir das Radfahren sicherer machen, mehr Leute in Freiburg für den Radverkehr begeistern und die Mobilitätswende voranbringen”, sagt Ruh. Ein halbes Jahr sammelten die Polizeiradler Erfahrungen, “dann steht nach der Evaluation die Entscheidung an, ob und mit welchen Anpassungen die Fahrradgruppe fortgeführt wird”.
Gandie on
Kann mir jemand erklären warum Gehwegradler und Kinder auf E-Rollern direkt “zur Kasse gebeten werden”, während Radweg-Parker und Befahrer von verkehrsberuhigten Bereichen nur ermahnt/aufgeklärt werden?
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Kaum haben die vier Beamten auf ihren E-Bikes die Garage des Verkehrsdiensts an der Heinrich-von-Stephan-Straße verlassen, stoppen sie auch gleich den ersten Verkehrssünder: Ein Radfahrer mit Kindern im Hänger fährt auf dem Gehweg. Fünf weitere Gehwegradler werden vier Stunden später auf der Liste der Fahrradstreife stehen. Drei werden mündlich verwarnt, drei zur Kasse gebeten: 15 Euro sind dafür fällig. “Die Entscheidung, ob es bei einer mündlichen Verwarnung bleibt, hängt von der Verhältnismäßigkeit ab, also der Schwere und Dauer des Verkehrsverstoßes”, erklärt Fahrradgruppenleiterin Corinna Ruh. Einer der Erwischten ist so dreist zu fragen, ob er seine Fahrt auf dem Bürgersteig für diesen Preis wenigstens fortführen dürfe? Eine ältere Dame begründet ihr Gehwegradeln damit, dass ihr Sattel nicht richtig befestigt ist und es da zu unsicher sei, auf der Straße zu fahren. Auf ihre Frage, ob die Polizei Werkzeug dabei hat und ihr beim Festschrauben behilflich sein könnte, weisen die Beamten ihr den Weg zur nächsten Werkstatt.
Bevor die Streife an diesem Morgen ihr erstes Etappenziel erreicht, führen die Beamten ein “verkehrserzieherisches Gespräch” mit einem Autofahrer, der den Radweg zuparkt. Weiter geht’s zur Kreuzung Stefan-Meier-/Mathilden-/Albertstraße. Dort richtet die Polizei eine Kontrollstelle ein: Etwas weiter nördlich positionieren sich Nadine Herr und Andreas Landerer, die per Funk dem zweiten Duo, das sich direkt an der Kreuzung hinter einer Hecke verbirgt, melden, wenn Radler die rote Ampel überfahren. Kaum hat Ruh ihr Fahrrad abgestellt, melden ihre Kollegen auch schon den ersten Verstoß. Ruckzuck sitzen sie und ihr Kollege wieder auf den Rädern und verfolgen den Verkehrssünder, bis sie ihn an der nächsten Straßenecke stellen.
Ob Rotlichtradler eine Verwarnung bekommen und dafür 60 Euro bezahlen müssen, oder eine Ordnungswidrigkeit begangen haben, für die 100 Euro fällig sind, hängt davon ab, wie lange die Ampel bereits rot war. Dieses Mal war es eindeutig: “Zehn Sekunden”, meldet Herr. Der betroffene Radfahrer nimmt die Vorhaltungen der Polizei zur Kenntnis, äußert sich aber nicht dazu. Auch der Zweite, der erwischt wird, fünf Sekunden Rotlicht, zeigt sich einsichtig, aber wortkarg. Zwei weitere folgen, alle vier müssen nicht nur zahlen, sondern bekommen auch noch einen Punkt im Flensburger Verkehrszentralregister. Den Beamten gehen an der Kontrollstelle außerdem ein E-Scooter-Fahrer ins Netz, der ohne Versicherungsschutz fährt (Geld- oder Freiheitsstrafe), und ein Radler, der entgegen der Fahrtrichtung unterwegs ist (20 Euro). “Die Radler sind häufig einsichtig”, bilanziert Ruh. “Und von Fußgängern erhalten wir viel positives Feedback.” Nach einer knappen halben Stunde lösen die Beamten die Kontrollstelle auf und fahren weiter. Auf dem Weg zum Radschnellweg FR2 scannen die Polizisten TÜV-Plaketten parkender Fahrzeuge. Die eines Anhängers ist abgelaufen – das kostet zwischen 15 und 60 Euro, je nachdem, wie lange die Hauptuntersuchung schon fällig ist. Corinna Ruh guckt außerdem in jedes fahrende Auto, das sie passiert. An einer Ampel hält sie neben einem Transporter und weist den Fahrer auf die Anschnallpflicht hin. Dieses Mal drückt die Polizistin ein Auge zu und belässt es bei einer Verwarnung. Nächstes Mal sind dafür 30 Euro fällig.
Später am Vormittag bittet die Fahrradstreife an der Eschholzstraße weitere Radler zur Kasse, etwa einen telefonierenden (55 Euro), außerdem muss eine Jugendliche zehn Euro bezahlen, weil sie nicht alleine auf ihrem E-Scooter gefahren ist. Sie und ihre Freundin gucken betreten und schieben ihren Roller beim Weggehen. Wer sofort bezahlen möchte und kein Bargeld dabei hat, kann mit Karte zahlen. Dafür zückt Ruh das Lesegerät.
Die Fahrradgruppe kontrolliert verstärkt in Zeiten mit hohem Verkehrsaufkommen, an Unfallschwerpunkten und bei Beschwerden, beispielsweise in Baustellenbereichen, erklärt Ruh. Zudem gebe es punktuell Spätkontrollen an Wochenenden und nachts. Dann gehe es nicht nur um die Einhaltung der Verkehrsvorschriften, sondern auch um Alkohol- und Drogenkonsum. In Parkanlagen sind die Rad-Polizistinnen und Polizisten ebenfalls unterwegs, “um Präsenz zu zeigen und für die Menschen ansprechbar zu sein”, sagt Andreas Landerer. Im Seepark hält eine ältere Radlerin und fragt neugierig: “Was haben Sie denn vor?” Bei dieser Gelegenheit macht sie ihrem Frust über Autofahrer Luft, die in der Nähe ihrer Wohnung eine Spielstraße zuparkten.
Unfälle passieren der Polizei zufolge häufig beim Abbiegen, Rangieren oder weil Vorfahrtsregeln verletzt werden. Der Fahrradgruppe ist außerdem bekannt, dass viele Autofahrer beim Überholen von Fahrrädern den Mindestabstand von (innerorts) anderthalb Metern nicht einhalten. “Das zu überprüfen ist schwierig”, räumt Ruh ein. Um Wege zu finden, das beweissicher ahnden zu können, “bemühen wir uns aktiv und stehen in gegenseitigem Erfahrungsaustausch mit anderen Polizeipräsidien”. Als ein Vorteil einer Fahrradstreife nennt Polizeisprecher Michael Schorr, “dass man eine andere Wahrnehmung hat als im Streifenwagen und mehr sieht”.
Durch den Einsatz der Fahrradgruppe “wollen wir das Radfahren sicherer machen, mehr Leute in Freiburg für den Radverkehr begeistern und die Mobilitätswende voranbringen”, sagt Ruh. Ein halbes Jahr sammelten die Polizeiradler Erfahrungen, “dann steht nach der Evaluation die Entscheidung an, ob und mit welchen Anpassungen die Fahrradgruppe fortgeführt wird”.
Kann mir jemand erklären warum Gehwegradler und Kinder auf E-Rollern direkt “zur Kasse gebeten werden”, während Radweg-Parker und Befahrer von verkehrsberuhigten Bereichen nur ermahnt/aufgeklärt werden?