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  1. CoyoteSharp2875 on

    Mobilitätsforscher Stephan Rammler: „Autofahrer werden immer fahrlässiger und aggressiver, aber Radfahrer auch“
    Woher kommt die Wut – zwischen Aktivisten und Autofans, Städtern und Landbevölkerung? Und warum werden die Fahrzeuge trotz Klimakrise immer größer? Ein Experte erklärt, was auf den Straßen schiefläuft.

    Von Henrik Mortsiefer
    28.02.2024, 12:04 Uhr

    **Herr Rammler, darf man sich noch ein Auto mit Diesel- oder Benzinmotor kaufen, wenn man in der verkehrspolitischen Debatte ernst genommen werden will?**
    Wir erleben eine starke Emotionalisierung und Ideologisierung der Debatte ums Auto. Gleiches gilt für die Debatte ums Fliegen oder ums Fleisch. Das sind drei Wohlstandsindikatoren: Ernährung, Reisen, Mobilität. Damit verorten sich Individuen in Wachstumsgesellschaften auch symbolisch, alles ist identitätsstiftend. Andererseits geht es ums schlichte Funktionieren im Alltag. Das gilt für alle Kulturen. In Deutschland wird die Diskussion aber schnell ideologisch überformt.

    **Eine Spielart der Identitätspolitik: Sage mir, was du fährst, und ich sage dir, wer du bist?**
    Das ist die eine Seite: ein von Eliten geführter Diskurs über Nachhaltigkeit und die vermeintlich einzig richtigen Wege dorthin. Andererseits zeigt sich – Stichwort Verbrennungsmotor –, dass Menschen in der Transformation überfordert sind und kapitulieren. Sie wenden sich dann rückwärts, in ein „Früher war alles besser“-Denken. Da gibt es ganz unterschiedliche Motive.

    **Das Pendel schlägt nach der ersten Euphorie – zum Beispiel ums Elektroauto – also eher zurück?**
    Ja. Es mag unglaublich sein, aber es gibt immer mehr Leute, die Autofahren wieder als symbolischen Ausdruck einer Haltung zelebrieren. Die sagen: Jetzt zeigen wir es Euch grünen, woken Eliten mal und fahren weiter Diesel und Benziner. Christian Lindner verkörpert das in idealer Weise: Er hat einen Porsche und steht dazu, er feiert auf Sylt, wo man hinfliegen kann. Damit versucht er, auch machtpolitisch zu punkten. Die AfD macht es genauso, nur radikaler.

    *Zur Person
    Stephan Rammler, Jahrgang 1968, ist Mobilitätsforscher und war von 2018 bis 2023 wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung in Berlin. Außerdem war Rammler von 2002 bis 2022 Professor für Transportation Design und Social Sciences in Braunschweig. Zu seinen Veröffentlichungen zählen die Bücher „Volk ohne Wagen“ (2017) und „Schubumkehr – Die Zukunft der Mobilität“ (2014).*

    **Dann hätten die Klima-Kleber das Gegenteil von dem erreicht, was ihre Absicht war: Die Zielgruppe fährt jetzt erst recht Auto. Eine grandiose Verkennung der Realität, oder?**
    Das Verrückte ist ja, dass die Klimaaktivisten keineswegs die Realität verkennen, wenn sie sich auf die Wissenschaft berufen. Es ist wirklich allerhöchste Zeit, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Vielleicht ist es auch schon zu spät. Es gibt also gute Gründe, panisch zu werden. Denn die Dynamik des Klimawandels wird in der öffentlichen Debatte nicht angemessen wahrgenommen.

    **Aber?**
    Es ist unrealistisch zu glauben, dass man mit Straßenblockaden Menschen dazu bringen kann, ihr Verhalten zu ändern. Den Gewerkschaften oder den Bauern fällt der Interessenkampf leichter, weil sie relevante Leistungen verweigern können. Deswegen nimmt man sie als Verhandlungspartner ernst. Das sahen wir bei der GDL vor Kurzem. Aber die Aktivisten auf der Straße haben nichts zu verweigern, außer die freie Fahrt. Und dabei werden sie von niemandem unterstützt, weil sie ohnehin prekäre Alltagsabläufe – etwa von Handwerkern – blockieren.

    **Die öffentliche Diskussion eskaliert, Kompromisse werden immer schwieriger.**
    Das täuscht nicht. Ich glaube, dass das hohe Maß an Aggressivität ein Ausdruck dieser immer unversöhnlicheren Milieus ist. Hinter diesen diskursiven Frontstellungen stehen Lebensstile, die infrage gestellt werden. Da gibt es die Familie oder den Handwerker, der sich auf dem Land ohne Auto nur schwer im Alltag bewegen kann. Und da sind Milieus, die im Privaten auf vieles verzichten, auch auf das Auto, weil das in der Stadt viel einfacher ist. Wenn diese Lebensstile auf der Stadtautobahn aufeinanderstoßen, dann kracht es.

    **Erklärt sich so auch die generell zunehmende Aggressivität auf der Straße, im Alltagsverkehr?**
    Diese Aggressivität hat sich aus verschiedenen Gründen entwickelt, aber auch weil sie befeuert wird, von den Medien und auch von Teilen der Politik. Man könnte das ja anders machen, moderierend, vermittelnd, kooperativ. Man muss weit zurückgehen, um zu erklären, warum wir so eine schwierige Diskurskultur haben. Ich fahre jetzt seit 30 Jahren immer wieder Auto und sehe den Unterschied. Autofahrer werden immer fahrlässiger und aggressiver – aber Radfahrer auch.

    **Fördern immer größere, stärkere Autos diesen Trend?**
    Wir erleben entgegen der eigentlichen Notwendigkeit des Downsizings ein Upsizing der Fahrzeuge. Das hat mit technischer Innovation zu tun. Mit effizienteren Motoren kann man größere Gewichte, mehr Technik transportieren, ohne mehr Geld ausgeben zu müssen. Hinzu kommt die staatliche Förderung von Diesel und Dienstwagen. All das ist ein guter Deal für die Autoindustrie. Große, leistungsfähige Fahrzeuge, die wie ein Safe Space wirken, verführen psychologisch betrachtet Menschen dazu, schneller und aggressiver zu fahren. Das gilt auch für Elektroautos. Der Soziologe Dieter Claessens hat das schön gesagt: Der Verkehr ist ein Spiegelbild der Gesellschaft.

    **Im globalen Maßstab betrachtet, mit Blick auf Länder wie China oder Indien, die noch dabei sind, sich mit privaten Pkw zu motorisieren, kann einem das Angst machen.**
    Wir stehen erst am Anfang einer globalen Mobilitätsexplosion, einer Art Hypermobilisierung. Es wird nicht weniger Verkehr geben, sondern mehr. Nicht weniger Autos, sondern mehr. Nicht kleinere Autos, sondern größere. Airlines und Flugzeugbauer machen Rekordgewinne. Es wuchert die Mobilität auf der ganzen Welt.

    **Wird diese Hypermobilisierung, von der Sie sprechen, nicht durch die Digitalisierung und Automatisierung oder den technischen Fortschritt gebremst?Stichwort Home-Office, Carsharing, kürzere Lieferketten, neue Materialien.**
    Digitalisierung optimiert Prozesse, macht sie günstiger, was die Nachfrage wachsen lässt. Der enorme Artenreichtum, den die großen digitalen Ökosysteme von Google und Co. erzeugen, führt dazu, dass Mobilität heute unendlich viel leichter organisiert werden kann.

    Sicher ließe sich der urbane Verkehr optimieren mit Car- und Ridesharing, das gut vernetzt ist mit dem öffentlichen Nahverkehr, der wiederum gut vernetzt ist mit der Bahn. Das passiert aber nicht, weil wir es mit konkurrierenden Märkten zu tun haben und es keinen Akteur gibt, der alles integriert. Wir optimieren im Sinne der alten Nutzungskultur. Wir passen die digitale Technologie der Automobilität an und wir nutzen sie nicht, um Automobilität überflüssig zu machen.

    **Sind die Hoffnungen, die sich mit der Elektromobilität verbinden – mehr Nachhaltigkeit, Entschleunigung, weniger Stress –, naiv?**
    Teile der Industrie meinen es sicher ernst mit der Elektromobilität. Aber nicht mit einer, die nötig wäre. Wir brauchen Elektromobilität als Innovation über alle Verkehrsträger hinweg, eine Systeminnovation. Das heißt, am Ende hätten wir eine stärkere Verlagerung auf öffentliche Verkehrsträger, viel weniger Massenmotorisierung und nur noch wenige kleinere, elektrifizierte Individualfahrzeuge. Das würde auch die Ressorcenprobleme lösen helfen, die sich heute noch mit der E-Mobilität verbinden.

    **Tesla-Chef Elon Musk geht als Pionier der Elektromobilität einen anderen Weg. Er hat mit dem Cybertruck gerade ein panzerähnliches Fahrzeug vorgestellt.**
    Im Straßenverkehr ist der Cybertruck die ästhetische Inkarnation dessen, was wir an Aggressivität auf den Straßen erleben. Ein Fahrzeug für die Welt, in die wir wahrscheinlich gehen, eine gefährliche, katastrophale Welt, eine Welt im Kampf. Das Auto von Elon Musk ist ein „Resilienz-Truck“. Ein Auto für eine Gesellschaft, in der am Ende womöglich alle auf individuelle Überlebensegoismen zurückgeworfen werden.

    ****Gaukelt die Elektromobilität uns also vor, dass wir weiter Auto fahren können wie bisher?****
    Was wir jetzt erleben, ist die Fortschreibung einer Mobilitätskultur, wie sie seit Langem ist: eine Familie, ein Wagen oder zwei Wagen. Ich habe Nachbarn, sieben Personen, die haben vier Wagen. Nun versuchen wir, über 40 Millionen Verbrenner-Fahrzeuge zu elektrifizieren, was ressourcenseitig nicht nachhaltig funktionieren kann. Zudem ist meine Befürchtung, dass die Transformationsdebatte, ohne dass sie richtig angefangen hat, von einer Anpassungsdebatte abgelöst wird. Die Dynamik des Klimawandels überholt uns und macht das Leben so schwierig, dass nur noch Anpassung hilft – zulasten der Bekämpfung der Ursachen des Klimawandels.

  2. Ich meine, dass, wenn wir alle sowohl mental als auch physisch ein wenig rücksichtsvokler miteinander umgehen würden, gäbe es deutlich weniger dramatische Zwischenfälle im Straßenverkehr.

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