Im Januar 2018 drangen die türkische Armee und verbündete bewaffnete Milizen in die nordsyrische Region Afrin ein. Seitdem ist die mehrheitlich kurdische Bevölkerung systematischen Gräueltaten ausgesetzt, die von Vertreibung, sexualisierter Gewalt, Folter und systematischen Plünderungen bis hin zu Tötungen reichen. Die Menschenrechtsorganisationen ECCHR und STJ haben bei der Bundesanwaltschaft Anzeige erstattet und Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gefordert.

Mehr über den Fall: https://www.ecchr.eu/case/tatort-s…

Produziert von: Limo for Research, European Center for Constitutional and Human Rights and Syrians for Truth and Justice
In Kooperation mit der Sebastian Cobler Stiftung und Rosa- Luxemburg-Stiftung
Voiceover: Huwa Okoyomoh (English), Inaam Wali (Arabic), Sylvana Seddig (German)
Übersetzung: Nicola Abbas
Motion design & Schnitt: Limo for Research
Sounddesign: Niklas Kammertöns
Stimmaufnahmen: Sebastian Morawietz
Film- and Fotomaterial: Syrians for Truth and Justice, Thomas Schmidinger, Roj Mousa
Zusätzliches Bildmaterial: Anadolu Images, voanews.com

Im Januar 2018 wurde die Region Afrin im Norden Syriens von der türkischen Armee und mit ihr verbündeten bewaffneten Milizen überfallen. Was damals begann, dauert bis heute an: Ein Angriff auf die lokale, überwiegend kurdische Bevölkerung. Folter, Tötungen und willkürliche Verhaftungen sind Alltag. Viele wurden aus ihren Häusern vertrieben, ihre Lebensgrundlage wurde zerstört.

Diese von islamistischen Milizen und der türkischen Armee begangenen Taten sind Völkerrechtsverbrechen. Gemeinsam mit sechs Überlebenden haben das European Centre for Constitutional and Human Rights, Syriens for Truth and Justice und ihre Partner Strafanzeige bei der deutschen Bundesanwaltschaft erstattet. Sie fordern Ermittlungen gegen die Täter und legen der Bundesanwaltschaft dafür Beweise vor.

Doch um zu verstehen, was geschah. Werfen wir einen Blick zurück auf Afrin vor der türkischen Invasion. Im Nordwesten Syriens, entlang der türkischen Grenze liegt Afrin, eine Region, die für ihre reiche Natur und Kulturlandschaft bekannt ist. Etwa 13 Millionen Olivenbäume bedecken die Hügel. Mit über 360 kurdischen Dörfern ist Afrin

Die am dichtesten kurdisch besiedelte Region in Syrien. Aber auch arabische, alevitische, jesidische und syrisch-christliche Gemeinschaften haben dort ihre historischen Wurzeln. Die vielfältige Geschichte zeigt sich zudem in zahlreichen religiösen Heiligtümern und archäologischen Stätten. Im Herzen der Stadt Afrin stand einst die Statue von Kawa, dem Schmied, ein Symbol des kurdischen Widerstands.

Im Jahr 2011 brach eine Welle von Protesten gegen das Regime von Baschar al-Assad los. Die Regierung antwortete mit Härte und Brutalität. So begann der katastrophale Konflikt in Syrien. Bewaffnete kurdische Kräfte, hier die syrische PYD, schufen eine autonome Verwaltung. Zuerst in Nordsyrien, im Jahr 2014 bezogen sie auch die Region Afrin ein.

Vier Jahre lang war es dort für syrische Verhältnisse vergleichsweise sicher. Zigtausende Menschen aus anderen umkämpften Teilen des Landes hatten sich in die Region geflüchtet. Damals konnte Afrins landwirtschaftlich geprägte Wirtschaft sogar wachsen. Die Türkei dagegen sah in der PYD eine terroristische Organisation und betrachtete den autonomen kurdischen Korridor entlang ihrer Südgrenze

Als eine existenzielle Bedrohung, die es zu beseitigen galt. 2018 startete die türkische Militär Invasion “Operation Olivenzweig” mit dem Ziel, die Kontrolle über Afrin zu erlangen. Sie begann mit umfangreichen Luftangriffen, gefolgt von einer Bodeninvasion. Viele Menschen flohen aus den umliegenden Dörfern, um in der größeren Stadt Afrin Schutz zu suchen.

Kulturdenkmäler, darunter die Statue von Kawa dem Schmied, wurden zerstört, während türkische Flaggen auf den Gebäuden gehisst wurden. Die kurdisch geführte Verwaltung wurde aufgelöst und die mit dem türkischen Militär verbündeten Milizen übernahmen die Herrschaft über Afrin. Seit der Invasion ist in Afrin eine von der Türkei unterstützte Verwaltung eingerichtet worden.

Milizen, die mit Wissen und Unterstützung der Türkei weiterhin an der Macht sind, begehen täglich Gräueltaten. Zivilist*innen werden willkürlich verhaftet, gefoltert, vergewaltigt und getötet. Gleichzeitig wird die ortsansässige Bevölkerung durch systematische Plünderungen und Diebstahl vertrieben. Die vor der Invasion Geflüchteten können nicht mehr nach Afrin zurückkehren, weil Milizen die verlassenen Grundstücke besetzten

Und ihren Namen an die Gebäude schrieben, um Kontrolle zu demonstrieren. Viele Olivenbäume wurden gestohlen, abgeschnitten oder verbrannt. Die Feiern zu Newroz, dem kurdischen Neujahrsfest, wurden verboten. Lehrpläne und Straßenschilder, früher in kurdischer Sprache, wurden ins Türkische und Arabische geändert. Der Anteil von Kurdinnen an der Bevölkerung,

Der vor der Invasion gut 90 % betrug, hat deutlich abgenommen. Diese Taten stellen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dar. Nach dem Weltrechtsprinzip können sie überall auf der Welt ermittelt werden. Doch bis heute bleiben die fortgesetzten Gräueltaten in Afrin und das damit einhergehende immense Leid für die Bevölkerung ungestraft.

Im Namen der Betroffenen fordern das ECCHR STJ und ihre Partner den Generalbundesanwalt auf, diese Verbrechen zu untersuchen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

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