Leute ich sag’s euch, was hatte ich heute für eine grottenschlechte Laune. Ein völliges Gefühlschaos über den ganzen Tag verteilt, mir sitzt sicher noch der Entzug von den Zigaretten in den Knochen. Der Nikotin dürfte allmählich aus dem Körper sein, doch jetzt kommt die Entwöhnung der Gewohnheit.
Nach zwei Tagen Pause standen nun circa 80km Fahrt zum angepeilten Rastplatz mit Toilette an, der Regen kam bereits in Strömen und ich sah mich mit der nüchternen Realität konfrontiert. Das war wirklich kein Spaß und ich stellte mir wirklich mehrmals die Frage was zum Henker ich hier verloren habe. Irgendwo in Frankreich, seit Tagen über Tagen entweder Regen, Wind oder beides gleichzeitig.
Immer wieder kam der Gedanke alles sein zu lassen und hin zu schmeißen, doch gleich darauf kamen die Erinnerungen ans zivile Leben. Willst du wirklich wieder zurück, zurück zu der Routine, zurück ins Warme, zurück auf die Couch und halb besinnungslos auf YouTube rumhängen und Leuten zuschauen, was du gerade machst, zurück in den alten Job, Lebenszeit gegen Geld eintauschen bis die Tage ausgezählt sind? Ich spürte im selben Augenblick eine wirklich Abscheu und im inneren ein herausschreiendes „Nein!“.
Doch wieso macht mir das kein Spaß, wieso hänge ich so in den Seilen beim fahren, wo ist die Vorfreude auf das neue? Alles verstummt und verblasst, als ob es nie da gewesen wäre.
Mir war klar, dass der Entzug mich so fühlen lässt und ich diese Zeit einfach stumpf überstehen muss. Ich erinnerte mich an die guten Tage, ich erinnerte was ich schon alles in den drei Monaten hinter mir habe. Wie Vietnam Flashbacks kamen mir die Bilder in den Sinn von den letzten Monaten.
Trotz der miesen Laune machte ich im Prinzip das absolut beste draus. Ich bin draußen, ich bewege mich und ich habe für heute ein Ziel, welches erreicht werden möchte. Also trampelte ich stumpf vor mich hin einfach weiter.
Mit der Abenddämmerung und ab der absoluten Dunkelheit hatte ich noch 30km vor mir, alta…! Erst 50 km geschafft und jetzt noch die 30 im dunklen?!
Selbstgespräche fingen wieder an zu kicken. Das wolltest du doch! Du bist allein in Frankreich, absolute Dunkelheit, ein verdammtes Abenteuer und du ziehst hier so eine Fresse! Freu dich gefälligst, FREU DICH JETZT! LOS!
Nach ungefähr 7-9 km in der Dunkelheit hat sich jedoch was verändert. Mich überkam eine ernste Gelassenheit. Gleichzeitig fokussiert aber dennoch tiefen entspannt.
Es gab da nur noch die Straße, die ich 5-6 Meter vor mir im Scheinwerfer sehe und die Navigation, ansonsten nur noch Dunkelheit und Stille drumherum. Als ob die eingeschränkte Sinneswahrnehmung die Gedanken zur Ruhe kommen lässt, es gibt kaum was zu sehn, nichts zu verarbeiten und du musst unbedingt auf die Straße vor dir achten, um keinen Ast oder Schlagloch zu übersehen. Als ob man in einen meditativen Zustand kommt und die Kilometer schmolzen einfach nur dahin. Da war wieder alles im Reinen, ich war da wo ich sein wollte, spürte und lebte den Moment. Die Freude war wieder da, endlich. Es machte wieder Spaß zu fahren. Ich genoss das vermisste Gefühl sehr nochmal zum Abschluss des Tages.
Das war wirklich ein kontrastreicher Tag, solche Tage sind wirklich die besten. Man erlebt so viele verschiedene Phasen in sich selbst, von Wut, Traurigkeit, Sorgen, Erschöpfung, Lustlosigkeit, Mut, Stärke, Gelassenheit. Und man kann sich nicht ablenken, man ist gezwungen sie zu erleben. Die überkommen dich während der Fahrt einfach, bleiben etwas und gehen wieder.
Ich kann sagen was ich will aber eins steht für mich fest, solch einer Tag wie heute war nicht verschwendet.