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Fahrzeughändler aus Mitteldeutschland importieren verstärkt gebrauchte „S 51“-Mopeds aus Osteuropa, oder auch nur ihre Rahmen. Einer der Händler kommt aus Kölleda im Landkreis Sömmerda. Die Kleinkrafträder aus DDR-Produktion sind begehrt und rar. Diese darf man nämlich mit einem Moped-Führerschein bis 60 km/h fahren, statt der in der Regel erlaubten 45 für Roller. Das macht eine Vereinbarung im deutsch-deutschen Einigungsvertag möglich. Die Ausnahme gilt aber nur, wenn am Rahmen die Original-Typen-Plakette vorhanden ist. Welche Tücken es dabei – unter anderem mit Importen aus Ungarn – gibt, erklärt ein Simson-Mechaniker aus Suhl.
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Autobahnpolizeiinspektion Thüringen. Ein seltsames Gefährt auf einem Parkplatz an der A38 bei Nordhausen. Gestoppt von der Polizei Anfang März. Ein offener Hänger, darauf u.a. 20 gebrauchte Mopeds der Marke Simson. Macht hier jemand Geschäfte mit alten DDR-Fahrzeugen? Wir machen uns auf die Suche. 1. Station: die Autobahnpolizei, die die Mopeds entdeckt hat. Diese wurden von einem Unternehmer aus Thüringen aufgekauft und aus Bulgarien importiert. Es handelt sich dabei also um "Reimporte". Reimporte aus Bulgarien. Offenbar legal. Doch die Mopeds sind nicht richtig gesichert. Der Mann sitzt seit 32 h am Steuer, also viel zu lang. Er bekommt ein Bußgeld von 2.300 Euro. Unsere Kollegen haben die Typenschilder bzw. die Fahrgestellnummern aller Zweiräder kontrolliert. Dabei konnten keine Auffälligkeiten verzeichnet werden. Nachdem er die Ladung noch mal gesichert hatte, noch mal nachjustiert hat und seine Ruhezeit eingehalten hat, durfte der Fahrzeugführer seine Fahrt auch fortsetzen. Aber wohin? Wer hat die Mopeds in Bulgarien aufgekauft und zu welchem Preis? Was passiert damit bei uns? Wir hören uns um, bei Simson-Händlern in der Gegend, wie hier bei Tino Fuchs bei Erfurt. Wir suchen diese Mopeds. Sind die zufällig bei ihnen gelandet? Nein, leider nicht. Gibt es nicht? – Nein, sind nicht bei mir gelandet. Wie gut sind die noch? Wie alt, wie wertvoll? Die sind alle fahrbereit, der größte Teil wird fahrbereit sein. Die werden in dem Zustand im Moment mit 1.500 Euro gehandelt. 1.500 Euro pro Stück für ein altes Moped. Ein Wahnsinnspreis, wenn man bedenkt, dass eine gebrauchte Simson in Bulgarien für 100 Euro zu haben ist. Diese Ladung könnte bis zu 28.000 Euro einbringen. Ich finde, das ist ein ganz normales legales Geschäft. Schrotthändler holen ihren Schrott auch und schaffen ihn woanders hin. Dort wird Schrott geholt, der eigentlich noch nicht richtiger Schrott ist. Wo landen die Simsons aus Bulgarien? Unsere Suche nach ihnen geht weiter. Mehr dazu gleich. 1975. Im Simson-Werk in Suhl beginnt die Produktion der S 50. Mit ihrem Nachfolger S 51 wird sie das meistgebaute Kleinkraftrad Deutschlands. Über 1,6 Mio. Stück werden produziert. Viele gehen auch nach Polen, Ungarn oder Bulgarien. Die Simsons haben 60 km/h Höchstgeschwindigkeit. Aus gutem Grund, erinnert sich Chefkonstrukteur Joachim Scheibe. Weil man besser im Stadtverkehr mitschwimmen kann, während man mit 40 oder 45 oder 50 schon eher ein Hindernis ist. 1990 wird das zum Problem: Die DDR-Mopeds sind zu schnell für den Westen. Dort gilt Tempo 45 für Kleinkrafträder. Der Chefkonstrukteur erinnert sich an ein Treffen im Bundes-Verkehrsministerium. Ich zitiere wörtlich: Herr Scheibe, hier geht es überhaupt nicht darum, bundesdeutsches Recht zu reformieren, auch wenn es noch so reformbedürftig ist. Hier geht es darum, bundesdeutsches Recht im Beitrittsgebiet einzuführen. Auf Wiedersehen. Im Einigungsvertrag wird dennoch eine Ausnahmebestimmung verankert. Simsons dürfen weiter 60 fahren, aber nur bei Zulassung in der DDR. Zurück bei unserer Suche nach den bulgarischen Mopeds. Hat dieser Simson-Händler in Kölleda sie vielleicht gesehen? Wo könnten die hingefahren sein? Die Mopeds selbst gehen an alles, was Händler ist. Es ist ja immer interessant, Ersatzteile zu kaufen. Das heißt, die fahren hier vor? Die fahren vor, bieten uns das an. Dann wird man sich über einen Preis einig. Das ist ein ganz normaler Kauf, ein normaler Waren-Einkauf für uns. Wir können dann daraus was machen. Das Problem: Fast immer werden die Mopeds ohne Papiere verkauft. Ist das seriös oder unseriös? Ein zweischneidiges Schwert, weil man keine Kontrolle hat. Wir als Händler haben dann das Risiko. Peter Zierrenner zeigt uns seinen Vorrat an alten Simsons. Er nutzt sie, um neue Mopeds aufzubauen. Darunter ist diese S 50. Sie stammt aus Osteuropa. Die Maschine unterscheidet sich äußerlich kaum von den Mopeds, die in der DDR verkauft wurden. Doch es gibt Unterschiede. Man erkennt es an der Querstrebe. Was osteuropäisch ist, da fehlt die Querstrebe für die Fußrasten-Gummis und für die Fußrasten-Ständer, wie es hier der Fall ist. Und man erkennt es am Typenschild, weil hier die Länder-Kennzeichen dran gemacht worden sind, für Ungarn zum Beispiel das H. Um eine neue Simson aufzubauen, muss der Rahmen eines alten Mopeds verwendet werden. Nur dann darf das neue Fahrzeug weiter Tempo 60 fahren. Aber mit den Rahmen reimportierter Simsons, z.B. aus Bulgarien, funktioniert das nicht: Das Kraftfahrt-Bundesamt erteilt keine Betriebserlaubnis für Tempo 60. Auf Anfrage der Umschau heißt es: "Fahrzeuge, die für den Export bestimmt waren, haben zum damaligen Zeitpunkt weder eine Einzel- noch Allgemeine Betriebserlaubnis erhalten und können daher nicht unter die Ausnahmebestimmung fallen." Viele Käufer bulgarischer Mopeds wissen das nicht. Auch Peter Zierrenner kann ihnen dann nicht mehr helfen. Das ist z.B. ein Rahmen, den wir ausbauen mussten, weil es ein gefälschter Rahmen ist. Hier wurde die Rahmennummer rausgeflext, damit nicht nachvollziehbar ist, wo das Fahrzeug herkommt. Der Rahmen ist somit unbrauchbar und eigentlich Schrott. Händler erkennen so etwas sofort. Manch privater Käufer aber nicht. Sind diese Mopeds eingeführt worden, um Käufer zu täuschen? Wir suchen weiter. Mehr dazu gleich. Die Ausnahmeregelung im Einigungsvertrag hatte eine ungeahnte Wirkung. Die Simsons verschwinden nicht etwa von den Straßen, sie werden immer beliebter. Es gibt Simson-Treffen, Simson-Rennen und immer neue Generationen begeisterter Simson-Fahrer. Wie Linus Gunkel. Sein Moped ist doppelt so alt wie er, hat aber ein Ladekabel fürs Handy. von ihm selbst angebaut. Die Westmopeds haben 45, 50, das ist eine Verkehrsbremse. Wenn wir da einfach dran vorbeiziehen können, das ist geil, macht halt Spaß. Auch die Ersatzteil-Versorgung ist gesichert. Nach der Insolvenz von Simson übernimmt ein anderer Anbieter. Produktion und Ersatzteil-Lager wurden seitdem mehrfach erweitert. Wie spritzig DDR-Mopeds sind, haben wir 2019 in einem Wettrennen gezeigt. Simson S51 gegen einen Roller aus Westproduktion. Schon nach wenigen Metern ist klar: Das DDR-Moped zieht davon. Der Roller fährt 45, die Simson 60, ganz legal. Das macht die DDR-Mopeds attraktiv. V.a. deshalb steigt ihr Wert. Eine neu aufgebaute S 51 hat vor 10 Jahren rd. 3.200 Euro gekostet. Mittlerweile sind es 3.900. Kunden zahlen sogar bis zu 5.000 Euro für aufwändig restaurierte Exemplare, wie diese Enduro. Durch die hohen Preise lohnt sich auch der weite Transport alter Simsons aus Osteuropa. Auf Flohmärkten, wie hier in Ungarn, sind viele DDR-Mopeds in Einzelteilen oder komplett zu finden. Auch Scheunen-Funde gibt es hier noch. An Nachschub herrscht kein Mangel. Der Re-Import ist zu einem kleinen, lukrativen Geschäftszweig geworden. Letzte Station unserer Suche nach den Mopeds von der Autobahn. Wir sind auf dem ehemaligen Werksgelände von Simson in Suhl. Hier gibt es immer noch Werkstätten, wo die Mopeds neu aufgebaut werden. Eine davon gehört Mario Klemt. Er hat in seinem Leben hunderte Re-Importe gesehen. Das sind eindeutig Bulgarien-Mopeds. Das eine Moped auf den Bildern kommt mir sehr bekannt vor. Ich glaube, das ist nach Suhl verkauft wurden. Mit dem goldenen Tank. Das sieht man ja nicht alle Tage. Wir haben eine vage Spur zu den Mopeds von der Autobahn. Mario Klemt ist sicher: Solche Mopeds finden schnell neue Besitzer. Nicht unbedingt professionelle Händler. Das wird meistens an private Kunden verkauft. 80 % werden wahrscheinlich private Kunden davon sein, weil man da mehr Geld macht. Ein Händler will ja immer noch drücken. Re-Importe an sich sind legal. Doch es gibt schwarze Schafe, die nur auf schnelles Geld aus sind. Diese bulgarische Simson hat einer seiner Kunden gekauft, ohne Papiere, für 1.800 Euro. In der Werkstatt kam das böse Erwachen. Da hab ich gesagt, davon kann ich nichts verwenden. Da war alles kaputt, da war der Motor hinüber, da war der Rahmen krumm. Da war alles kaputt. Wie reagieren die Leute da? – Bestürzt, sehr bestürzt. Auf den Kleinanzeigen-Seiten im Internet finden sich viele z.T. fragwürdige Angebote. Verkäufer versprechen restaurierte Simsons mit Zulassung für Tempo 60 und verlangen hohe Summen. Doch das Risiko ist da, auf einen wertlosen Re-Import hereinzufallen. Der Markt ist momentan komplett voll davon. Meist suchen diese Bulgaren sich immer ältere Leute. Die kriegen wahrscheinlich ein bisschen was von dem Kuchen ab, wahrscheinlich 100, 200 Euro dafür. Und erzählen wilde Geschichte. Das Moped sind sie schon zu DDR-Zeiten gefahren, aber es ist definitiv nicht so gewesen. Zuletzt fragen wir weitere Händler telefonisch an. Einer bestätigt, dass er Mopeds aus der Autobahn-Lieferung bekam. Seine Mopeds kosten fast 4.000 Euro. Er verkauft sie mit-60 km/h-Papieren, DDR-Rahmen. Alle anderen Teile sind neu. Wozu er alte Mopeds aus Bulgarien einführt, erfahren wir nicht. Zu einem Interview ist er nicht bereit. Fazit unserer Suche: Mit dieser Fuhre haben die Beteiligten ganz sicher ein gutes Geschäft gemacht. Ob ihre Kunden damit auch glücklich werden, ist unklar. Doch so lange es in Osteuropa noch alte Simsons gibt,